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Atomkraft: Wo bleibt Kostenwahrheit?

Spiegel Online

Subventioniert und doch nicht nachhaltig

Stromerzeugung aus Kernkraft wird zusehends teurer. Aufwendige Sicherheitsvorkehrungen in Verbindung mit der Komplexität von Anlagen sowie eine extrem lange Vorlaufzeit wirken als Kostentreiber. Die Endlagerung wird sicherheitshalber überhaupt ausgelagert, von möglichen Katastrophenszenarien mal ganz zu schweigen.

 

Mycle Schneider, Experte für Energiepolitik

 

Weltweit sind je nach Kategorisierung 435 Reaktoren in Betrieb. Es sind nur wenig neue Betriebsaufnahmen zu verzeichnen. Das Alter der Reaktoren steigt, 31 davon sind bereits über 40 Jahre in Betrieb. In Europa sind mittlerweile 46 weniger Anlagen in Betrieb als noch in den 80er Jahren, in Finnland und Frankreich wird jeweils eine neue Anlage errichtet. Tendenziell kommt es immer häufiger zu einem Baustopp der Anlagen, in den USA vielfach aufgrund der charakteristischen Rechtskultur. Die Rentabilität der Kraftwerke wird auch von den Betreibern in Frage gestellt, wodurch immer häufiger Anlagen mit gültiger Genehmigung vom Netz genommen werden. Österreich gilt ja ohnehin als Paradebeispiel: Erst bauen, dann einmotten. Eben ein klassischer Fall von Nachhaltigkeit. Wie die weitere Zukunft der Kernenergie aussehen könnte analysiert der Experte für Energie- und Nuklearpolitik, Mycle Schneider. Der Träger des Alternativ Nobelpreises berät seit 25 Jahren die Vertreter des europäischen Parlaments, Greenpeace, die IAEA, UNESCO, WWF und viele mehr.

Kostenexplosion und Supergau

 

Die Atomenergie kann den aktuellen Stand nur mit bedenklicher Laufzeitverlängerung halten. Mycle Schneider spricht von Technologiegeriatrie, die Bedeutung der Kernkraft ist seit 20 Jahren rückläufig. Was die exorbitanten Kosten betrifft, so sind diese höchst variabel, da die Anlagen vielfach erst gar nicht ausgeplant werden. Zumeist wir mit dem Bau noch vor Fertigstellung der Pläne begonnen, um die Vorlaufzeit bis zur Inbetriebnahme in überschaubaren Grenzen zu halten, Überraschungen sind vorprogrammiert. Schneider spricht im Zusammenhang mit französischen Atomkraftwerken von einer negativen Lernkurve, „forgetting by doing“ ist an der Tagesordnung. Die zuletzt ans Netz gegangenen Meiler sind die teuersten, was neben den Sicherheitsvorrichtungen auf die erforderliche  Qualitätssicherung zurückzuführen ist. Komplexe Genehmigungsverfahren und Kostenschätzungen, die Bauchschmerzen verursachen in Verbindung mit unzähligen sonstigen Variablen geben zu denken, kommerzielle Banken verweigern die Zusammenarbeit. Der Trend ist eindeutig. Es gibt, so Schneider, keine andere Branche, in der so viele Projekte auf so viele verschiedene Arten zu Kapitalvernichtung geführt haben und setzt prompt einen drauf, indem er Atomenergie als grösste Fehlinvestition aller Zeiten kategorisiert. 

30 % Kostensteigerung zu erwarten

 

Einzelne Bauteile werden in der Kalkulation fröhlich zwischen Betriebs- und Kapitalkosten jongliert, die Stromtarife haben Kosten nicht gedeckt. So geschehen in Frankreich, wo nebst der Regulierungsbehörde auch das Verwaltungsgericht mitmischt. Zwischen 2012 und 2017 ist unterm Strich gesehen mit 30 % Kostensteigerung zu rechnen, die Rentabilität wirkt etwas angegriffen. Dazu kommen Investitionslücken von über 10 Jahren, ein Umstand, der sich rächen wird. Ob Überholung, Reaktorneubau oder Demontage, jetzt wird es richtig teuer, die Situation der Konzerne ist problematisch: Der Aktienwert von EDF ist seit 2007 um 85 %, jener von AREVA um 88 % gesunken. Die Ratingnote ist auf BBB gefallen, AREVA wird nur einen Punkt über den berüchtigten Junkbonds gehandelt. Ein ähnliches Szenario ist in Grossbritannien erkennbar, auch grosse Projekte lösen sich in Nichts auf. EON und RWE geben auf, so Schneider. Ein über 35 Jahre garantierter Einspeisetarif ist prädestiniert, einen gesellschaftlichen Aufstand zu verursachen liefert der nächsten Generation ausreichend Grund, die Regierung „an die Wand zu nageln“, so Schneider weiter. Die Europäische Kommission untersucht jetzt die Subventionen, so geht es schliesslich nicht. Es braucht ein solides Framework und Fairness zwischen den Generationen, um die Energiepolitik glaubhaft zu machen. Wie die deutsche Politik die nicht vorhandenen Rücklagen für die Demontage der Atomkraftwerke  erklären kann ist fraglich, vermutlich gar nicht.

 

Expertentreff Energie: Moidl, Schneider, Dieter und Standard-Moderator

 

Weder Rückstellungen noch Transparenz

 

Ausnahmen ohne Ende. Ob Endlagerung, Wiederaufbereitung von Brennstäben, Rückstellungen für die Demontage der Anlagen oder Umweltschäden, die rechtlichen Rahmenbedingungen für Kernkraft sind garniert mit Extrawürsten. Kommen noch die erst kürzlich kolportierten 400 Millionen Euro Minimumprämie pro Jahr und AKW für die Haftpflichtversicherung dazu, fällt Kernkraft in die Kategorie unleistbar. Die Schmelze des Volksvermögens ist die einzig sichere Komponente in einer Kalkulation voll Variablen, jedoch ohne jegliche erkennbare Transparenz. Dazu kommt, wie Stefan Moidl der IG-Windkraft erklärt, dass es seitens der Kernkraftwerker keinerlei Beitrag zur Netzinfrastruktur gibt, während für Windmüller sogar Rückstellungen für den Konkursfall vorgesehen sind, um nur ein Highlight der aktuellen Energiepolitik zu nennen.

 

Text und Fotos: Thomas Winkler

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