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Gemeinsam gegen Menschenhandel

Spiegel Online

Kampf dem Menschenhandel

2,4 Millionen Menschen werden jährlich Opfer des Menschenhandels. Europa alleine bringt es auf 140.000 Fälle pro Jahr. Das ist entschieden zu viel, zumal Menschenhandel als eine schwerwiegende Verletzung der Menschenrechte gilt. Die Profite mit der Ware Mensch belaufen sich auf kolportierte 32 Milliarden Dollar pro Jahr.

 

 Dr. Winkler, Botschafter

 

Anlässlich des EU Anti-Trafficking Day am 18. Oktober sind die EU Mitgliedstaaten aufgerufen, öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen durchzuführen. Das Bundesministerium für Europa, Integration und Äusseres als Vorsitz der österreichischen Task Force Menschenhandel organisiert das Event „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ mittlerweile zum siebten Mal. Die Besetzung ist hochkarätig. Nach dem Opening von Botschafter Dr. Hans Winkler kommen Botschafter Dr. Michael Linhart, Generalsekretär, Bundesministerium für Europa, Integration und Äusseres, Mag. Johanna Mikl-Leitner, MM für Inneresw, Dr. Sophie Karmasin, BM Familie und Jugend sowie Rudolf Hundstorfer, BM für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz zu Wort. Die anschliessende Podiumsdiskussion bestreiten Botschafterin Dr. Elisabeth Tichy-Fisslberger, Nationale Koordinatorin zur Bekämpfung des Menschenhandels sowie Leiterin der Rechts- und Konsularsektion im BM für Europa, Integration und Äusseres, Mag. Ulrich Nachtlberger, Richter, Landesgericht für Strafsachen Wien, Mag. Evelyn Probst, LEFÖ-IBF, Leiterin der Interventionsstelle für Betroffene des Frauenhandels, Oberst Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle Menschenhandel und Schleppereibekämpfung im BKA, Mag. Johannes Peyrl, Abteilung Arbeitsmarkt und Integration, AK Wien, Mag. Helmut Sax, Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte und Mitglied des GRETA Monitoring des Europarates gemeinsam mit Mag. Anneliese Rohrer, Die Presse. Expertengruppen runden das umfangreiche Programm ab. Die Insider wissen genau, worum es geht.

 

Dr. Linhart - Botschafter

 

Strafrechtliche Verfolgung und Konsequenz

 

Menschenhandel gilt als internationales und zugleich höchst sensibles Problem, das alle angeht. Zugriff auf Bildung und reale Perspektiven sind die einzige Möglichkeit, langfristige Erfolge einzufahren. Es gibt Lob für die Task-Force, die Medien ernten Kritik. Das Thema geht am Mainstream vorbei. Die Ermittlungsarbeit wird durchwegs als komplex und höchst sensibel kategorisiert, die Allianz aus NGOS, Behörden und Polizei kämpft jedoch mit einem Budget, welches diese Bezeichnung sichtlich nicht verdient sowie Kompetenz- und Verantwortungsfragen. Mit einem Runden Tisch ist es nicht getan. Es braucht einen kontinuierlichen Dialog und Konsequenz. Immerhin, die internationale Zusammenarbeit funktioniert. Erfolge sind erkennbar, doch aufgrund der Tragweite der Problematik nehmen sich diese in Relation nur sehr gering aus. Es braucht Aufklärung und Bewusstseinsbildung auf breiter Ebene.

 

Mikl-Leitner 

 

Tragische Schicksale drücken aufs Gemüt

 

Arbeiten bis zum Umfallen, ein Lohn, der, sofern überhaupt bezahlt, eher den Begriff Gnadenbrot verdient, Sex bis zum Abwinken und Schlepperei als Resultat von absoluter Hoffnungslosigkeit erwartet jene, die in die gelobte Ferne aufbrechen, um Karriere zu machen. Das Geschäft mit der Angst und erschütternde Abhängigkeitsverhältnisse, die gezielt konstruiert werden, belasten die Opfer bis über jede Belastungsgrenze hinaus. Ausbeutung ist nur eine der zahlreichen Facetten. Dabei werden stets dieselben Problembereiche auffällig: Gastronomie und Clubs, Bau und Landwirtschaft. Sub- und Scheinfirmen sind stets auf der Suche nach willigen und zugleich billigen Arbeitskräften, Sozialleistungen gibt`s nicht. Lohn- und Sozialdumping müssen als geradezu höfliche und ziemlich salonfähige Umschreibung für Ausbeuterei herhalten, mit Sklaverei ist eben gutes Geld zu machen. Kontrollen in den besagten Branchen sind unumgänglich, die schwarzen Schafe dürfen nicht straflos davon kommen. Schwarzarbeit ist noch das kleinste Übel, wer draufzahlt, sind die Opfer. Eine mittlerweile merklich gestraffte Beratungsszene und neue Anlaufstellen bewähren sich, es geht vielfach um die Geltendmachung von Rechtsansprüchen für die Betroffenen. Prävention jedoch ist immer noch die beste Lösung. Im Alleingang ist nichts auszurichten, nur koordiniertes und zugleich grenzüberschreitendes Agieren kann die Problematik lindern, an Lösung an sich ist vorerst nicht zu denken. Ähnlich auffällig wie die besagten Branchen ist die Escort- und Agenturszene. Mit verlockenden Angeboten werden willige Menschen geködert, um letztlich die Hölle zu erleben. Folter, Erpressung und Demütigungen aller Art sind noch das geringste Übel, Kinderhandel ist kein Kavaliersdelikt. „Migrant Smuggling“ mit Krisenregionen muss unterbunden werden.

 

Karmasin - BM 

 

Sicherheit für die Betroffenen

 

Die Gerichte sind mit vielfach sehr komplexen Umständen konfrontiert. Dazu kommt, dass drei Juristen prinzipiell vier Meinungen vertreten. Es darf auf keinen Fall die Last am Opfer bleiben, diese brauchen Sicherheit und Perspektiven. Bedingt durch Einschüchterung und Abhängigkeiten sind Ermittlungen nur mit Fingerspitzen möglich, Opferschutz ist unumgänglich. Da ist noch einiges zu machen. Menschenhandel endet mit Verurteilung, der Mensch als Opfer jedoch lebt weiter. Seelische Wracks bleiben zurück. Es braucht Auffangnetze. Geeignete Ansprechpartner sind nur ein erster Schritt, der Blick hinter die Kulissen offenbart die gesamte Dimension des Menschenhandels in allen nur erdenklichen Varianten. Von der Dunkelziffer nicht zu reden, wegschauen gilt nicht. Illegale Arbeitskräfte sind das geringste Übel, doch wehe, es passiert etwas. Auch in diesem Fall haben die offiziellen Stellen bereits Wunder bewirkt und rückwirkenden Versicherungsschutz erwirkt. Solidarität hat sich bewährt, ebenso die teils sehr enge Zusammenarbeit der einzelnen Stellen wie AK, ÖGB und Ministerien und natürlich NGOs. Problematischer hingegen ist es zwischen Bundes- und Länderebene, die Verantwortungen sind vielfach erst zu definieren. Was das Burgenland betrifft, so halten sich die Ambitionen bei der Bekämpfung aus Sicht der Experten in überschaubaren Dimensionen, die Kritik fällt heftig aus.

 

Hundstorfer - BM

 

Billigstlöhne und Billigprodukte

 

Das T-Shirt um ein paar Euro, billigste Nahrungsmittel und enorme Gewinne. Jeder ist angehalten zu überlegen, wie und warum manche T-Shirts oder andere Gebrauchsgegenstände so billig zu haben sind. Mit ein paar Hundertern in der Tasche regiert der Rotstift, doch da  darf sich niemand wundern,  wenn hinter den Kulissen getrickst wird und die Produzenten auf billige, weil willige Kinderhand zurückgreifen. Ein desolates Umfeld ist nunmal prädestiniert für Hoffnungslosigkeit und Elend. Wer keine Chance hat, greift eben zum letzten Mittel. Dazu kommt auch die Anonymität des Internet – CyberCrime und Menschenhandel gehen Hand in Hand.

 

Wo sind die Strukturen?

 

Im Falle der institutionellen Akteure sind Orgien der Selbstbeweihräucherung auf Konferenzen und Tagungen an der Tagesordnung, doch diese helfen nicht, schon gar nicht den Opfern. Es braucht klare Strukturen in jeder Hinsicht, Zahlen sind geduldig. Der Expertenstab am Podium findet klare Worte für unübersehbare Probleme.  

Best Practice ist gefragt, alle Hoffnungen liegen auf der Task-Force. Und etwas Bewusstseinsbildung kann auch nicht schaden, um die erforderliche Sensibilisierung zu erreichen.  

 

Expertenrunde Menschenhandel - TaskForce

 

Text und Fotos: Thomas Winkler

Press-Media Syndicate int.