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Bettina Prendergast

Spiegel Online

 

Bettina Prendergast

 

„Europa ist für mich das erfolgreichste Friedensprojekt aller Zeiten, dessen Fortbestand akut in Gefahr ist, wenn die Sorgen aller EU-Bürger von Brüssel nicht ernst genommen werden und politischer Opportunismus notwendige Reformen verhindert."  (B. Prendergast)

 

Bettina Prendergast & Benedikt Weingartner im Dialog über Europa

 

Brexit. Prendergast. Und die Windsors. Diese Kombination verspricht bereits im Vorfeld reichlich Spannung. Kein Wunder. Der Brexit dürfte, so ist zu vernehmen, über rund 5 Jahre gut und gerne rund 122 Milliarden zusätzliches Defizit im Sparstrupf der Briten verursachen. Von wegen Klingelgeld oder Portokasse, es geht ans Eingemachte, von den eigentlichen Folgen für die Insel ganz zu schweigen. Bettina Prendergast, ORF-Korrespondentin in London, ist über die Begebenheiten hinter den Kulissen bestens vertraut. Um es auf den Punkt zu bringen: Die schrulligen Briten sind gerade dabei, sich selbst zu demontieren. Was geht wirklich ab?

 

Bettina Prendergast 

 

Die Insel ist voll

 

Tony Blairs Arroganz hat Unwohlsein verursacht: Das mit dem Osten ging zu schnell, zu viele sind gekommen. Die Insel ist zu voll geworden, so Prendergast, die der EU Reformen verordnet, maximale Dringlichkeitsstufe. Die Gesellschaft ist gespalten, der Frust der Briten kaum zu verbergen. Der Brexit ist dabei, ein Desaster der Superlative zu verursachen, die Insulaner stehen mit dem Rücken zur Wand. Dazu der ewig störrischer David Cameron, der endlich die Bühne geräumt hat. Der rechte Flügel hat quer gebraten. Er musste nur versprechen, und flutsch war es passiert. Harakiri mit Anlauf wäre die treffendste Bezeichnung. Das Referendum hätte niemals stattfinden dürfen, so Prendergast. Jetzt dominiert Betretenheit. Amused or not, da ist es mit einem Gläschen Gin nicht getan. Der Cameron ist weg, er hat jetzt einen netten Job und macht reichlich Kohle. Sollen`s die anderen auslöffeln.

 

B. Prendergat - ORF London

 

Artikel 50: Aus für die britische Extrawurst!

 

Theresa May als Europa-Befürworterin mit einer kultivierten Reserviertheit für die Sache versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Ein Kampfhund wäre ihr vermutlich lieber gewesen als die 1st Cat, so wird gemunkelt. Der Zoff im Land könnte geeignet sein, die Lage zu verschärfen. Dazu kommt, dass falsche Entscheidungen fatale Folgen mit sich bringen. Herz oder Hirn, das ist die Frage. Die heikle Sache, wie es gemacht wird mit dem Brexit wird zum Zankapfel der Nation, das Gericht wird bemüht. Es sind Aggressionen im Spiel, die „bösen Medien“ machen es nicht besser. Die Daily Mail spielt harte Bandagen, es wird gelogen und gestritten. Der Populismus treibt die Stimmung Richtung Hysterie. Das ist nicht gut. Das Pfund ist runter gegangen, das Ego angekratzt. Die Jugend fürchtet um Chancen, Emotionen dominieren die Debatte.

 

Bettina Prendergast im Haus der EU, Wien

 

Osteuropäische Sinnkrise

 

Nigel Farage von der UKIP steht im Ruf, ein kleiner Aufwiegler zu sein. Es geht hier nicht alleine um Zuwanderung. Infrastruktur, Verkehr, Gesundheitswesen, Wohnbau usw. sind nicht mitgewachsen, heute ist die Insel voll. Dazu die ohnehin prägnante Europa-Unverträglichkeit der Briten, die ein kompliziertes Verhältnis garantiert. Spannung im Land mit sehr unterschiedlichen Standards im Bildungsbereich, dazu Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit, das geht aufs Gemüt. Der Verlust des Empire war schon schlimm, dazu noch Drohgebärden aus Schottland. Ja, auch hier geht es um ein Referendum, es wird eng: Wenn es auf einer kleinen Insel bereits solche Konflikte gibt, darf es nicht verwundern, das es mit  Brüssel mit klappt: Die EU hat verabsäumt, Flagge zu zeigen, etwas besseres Eigenmarketing wäre durchaus angebracht, betont Prendergast.

 

Bettina Prendergast im Europa-Dialog 

 

Not amused: Die Queen

 

Sie denkt. Unauffällig. Leider gibt es keine Wiki-Leaks über die Meinung der Queen, Gedanken sind eben zollfrei. Die Queen als Symbol für Beständigkeit und Integrationsfigur gibt dem Britenvolk Halt und Hoffnung. Dazu kommt, dass die Windsors bei guter Pflege eine beachtliche Haltbarkeit entwickeln, wie Prendergast erklärt. Die britische Seele leidet, angesichts der neuen Bevölkerungsdichte und den damit einhergehenden Konsequenzen. 25 Tausend Österreicher in Grossbritannien sind zu wenig, um dieses zu überlaufen. Dafür prägen 800 Tausend Polen und rund 600 Tausend Rumänen das einst sehr konservative Ortsbild. Das Gesundheitswesen ist hoffnungslos überlastet. Der Staat hat einfach nicht vorgesorgt, das Dilemma ist hausgemacht. Probleme machen zudem Pakistani, null Integrationsbereitschaft ist fruchtbarer Boden für eine explosive Doppelgesellschaft. Die britischen Werte haben Schräglage, Muslime sind sehr eigen, auch fernab der eigentlichen Heimat. Doch das kennen wir von anderswo … dennoch: Die Briten könnten angesichts der Umstände etwas mehr Aufnahmebereitschaft entwickeln.

 

Bettina Prendergast & Benedikt Weingartner im Dialog über Europa

 

Working poor, EWR und viele Rosinen

 

NATO. Atommacht und Bankenplatz. Grossbritannien wird immer wichtig sein. Und das macht den Brexit noch komplizierter, als er ohnehin schon ist. Das Wort Kuhhandel hängt im Raum, zimperlich war die Insulaner noch nie, wenn es um ihren Vorteil ging. Arbeitslosigkeit, gesellschaftliche Probleme und der aufkeimende Rechtspopulismus sollten nachdenkloch stimmen. Die wirksamste Waffe dagegen wäre das Vertrauen in die Politik der EU.

Die Krise kann eine Chance sein, geben wir der Brüssel einfach Gelegenheit, klar Schiff zu machen. Die nationalen Egoismen haben gezeigt, dass wir damit anstehen.

 

Text & Fotos: Thomas Winkler