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Eva Twaroch

Spiegel Online

Eva Twaroch

 

„Europa ist für mich der einzige Weg um die Herausforderungen und Probleme des 21. Jahrhunderts zu meistern. Der zentrale Satz den die politischen Verantwortlichen aller Couleur und aller EU Staaten endlich lernen müssen lautet: EUROPA das sind WIR und nicht die Anderen.“ (Eva Twaroch).

 

Eva Twaroch & Benedikt Weingartner

Mit dieser Meinung ist Eva Twaroch, die sympathische ORF-Korrespondentin in Paris, sicher nicht alleine. Viel zu oft nämlich ist seitens der Europäer zu vernehmen, dass die Politik die Angelegenheit Europa ziemlich halbherzig abarbeitet. Die Folgen sind tagtäglich in den Medien zu vernehmen und bestimmen unseren Alltag. Es geht in medias res – die Mütter zweier Töchter weiss, wovon sie redet. Schliesslich lebt sie seit 25 Jahren in Paris und kennt die Eigenheiten und Vorlieben der Franzosen. Ergebnis: Wir brauchen mehr Europa, anders ist die Aufgabe nicht zu bewerkstelligen. Die Krise macht auch vor der Grande Nation nicht halt.

 

Eva Twaroch 

Den Terror im Hinterkopf

 

Paris hat viele Opfer gefordert. Dann Nizza, nur wenige Tage nach der EM. Die Spuren sind nicht zu verleugnen, es kann uns alle treffen, unabhängig von Alter, Religion oder sonst was. Bis Jänner jedenfalls herrscht Ausnahmezustand – im Interesse der Sicherheit. Da nimmt man gerne Abstriche bei der Freiheit in Kauf. Die Bevölkerung ist sensibilisiert, weitreichende Kontrollen erfüllen die psychologischen Bedürfnisse, die Sicherheitskräfte zeigen Präsenz. Wachsamkeit ist angebracht – und das gilt auch für die Politik. Nur zu leicht könnte die Situation entgleiten, die Lage ist angespannt. Der Geheimdienst hat`s als erster abbekommen, es brauchte schliesslich einen Schuldigen, und Freiwillige liessen sich nicht finden. Von wegen Bekennerschreiben. Die Kritik Twarochs fällt deutlich aus. Die Verantwortlichen hätten etwas professioneller reagieren müssen.

 

E. Twaroch 

 

Zweigestirn gibt Ton an

 

Ohne Hollande kann die Merkel nicht. Und umgekehrt. Vorbereitungen werden gemeinsam angegangen, man stärkt sich den Rücken, um Stärke zu symbolisieren. Das Duo gibt sein Bestes. Die Franzosen sehen`s eher locker, Spielregeln können geändert werden. Das gilt auch für das Budget. Den trockenen Zahlen begegnet man gelassen, der Blaue Brief hat ausgedient, die südländische Leichtigkeit kommt aus tiefster Überzeugung, preussische Korrektheit ist sichtlich keine Tugend. Die beste Statistik bleibt eine Vision wenn`s dem Chef nicht passt – man kann sich nicht um alles kümmern. Die EU als ultimative Instanz zu sehen, wäre übertrieben, so die Beobachtungen der Korrespondentin aus Paris. Franzosen haben ihren eigenen Kopf, daran kann die Vernunftehe Merkel – Hollande nichts ändern. The Show must go on. Abtrünnige in den eigenen Reihen gehören eben zur Tageordnung: Das ist auch in der Europäischen Union gut zu erkennen.

 

Twaroch - ORF

 

Tradition versus Reformen

 

Aus Sicht der Franzosen herrschen in Österreich neo-liberale Tendenzen. An der französischen Arbeitsmarktpolitik zu schrauben, entpuppt sich entsprechen schwierig. Das setzt sich fort bis ins Schulsystem: Unglaublich, was die Kleinen alles nicht können, so Twaroch. Den Bildungsstandards kann sie wenig abgewinnen, es fehlt an Flexibilität. Diese wäre in vielen Belangen von Vorteil, die „Grande Nation“ wirkt reichlich steif, es leidet die Wettbewerbsfähigkeit. Mit Baguette und Rotwein ist keine Schlacht zu gewinnen, doch das scheint niemand zu stören. Wie auch andernorts, sind vom Rechten Flügel laute Töne zu vernehmen. Obwohl im EU-Parlament zuhause, mischt Marine Le Pen zum Leidwesen anderer Fraktionen auch in der Innpolitik mit. Als Wolf im Schafspelz könnte sie bei den Vorwahlen ein Erbeben auslösen, auch wenn ihre Zeit noch nicht gekommen ist, das dürfte noch einige wenige Jahre dauern. Der politische Vatermord jedenfalls hat mächtig Furore gemacht.

 

ORF-Twaroch 

 

Wenige Flüchtlinge und keine Strukturen

 

Bis vor einem Jahr war das Thema Flüchtlinge in Frankreich nicht aktuell. Es gab entsprechend wenig Struktur für Erfassung und Versorgung, von Perspektiven für die Betroffen ganz zu schweigen. Umso grösser war das Chaos, als das Thema akut wurde, da half nur Improvisation. Die Personen stammen überwiegend aus afrikanischen Gefilden und werden mit einer gewissen Planlosigkeit konfrontiert, die Merkel`sche Willkommenskultur hat sich nicht bis Frankreich durchgesprochen, die Probleme sind nicht zu leugnen. Und das, obwohl viele Franzosen selber Einwanderer sind, man spricht von zweiter und dritter Generation – jetzt stehen wir an, in Frankreich. Wo sind die Konzepte? Für Multi-Kulti jedenfalls wird`s eng, davon will Marine Le Pen nichts wissen. Die Chancen der Vergangenheit sind verstrichen, linguistische Ausgrenzungen verschärfen die Lage. Es braucht neue Ansätze und Perspektiven, so geht`s jedenfalls nicht. Die Kritik ist nicht zu überhören.  

 

Eva Twaroch - Benedikt Weingartner

 

Nationalstolz oder purer Egoismus?

 

Während andernorts die Jugend gerne mal einige Zeit ins Ausland geht, können die Franzosen dieser Idee wenig abgewinnen, wie auch Fremdsprachen sehr verhalten begegnet wird. Die mediterrane Schrulligkeit bestimmt den Alltag, die Verschlossenheit sorgt für verwunderte Gesichter. Hollande allein am Schlachtfeld wirkt nur mässig überzeugend, das latente Gezeter um Hilfestellung ist wie das Amen im Gebet, das mit der Führungsrolle will einfach nicht so klappen. Vorab gilt es, die Themen Finanzen und Arbeitsmarkt zu meistern, ebenso Sicherheit und Flüchtlinge, für europäische Belange fehlt`s an Aufklärung an der Front. Und während der Minister wortgewaltig den Brexit zelebriert, startet zuhause eine Charme-Offensive: Frankreich will jetzt Wirtschafsmacht werden, ob`s der Le Pen gefällt oder nicht. Auch die Briten hatten längere Zeit kein Glück in Personalfragen. 

Und: Eva Twaroch hat ein paar Wünsche an die Europa-Fee. Es braucht eine Wertegesellschaft in Europa. Das wird sicher nicht einfach. Und ganz nebenbei, würde sie noch gerne weitere 100 Jahre in Frankreich leben. Ob das alleine am Klima liegt?

    

Fotos: Moni Fellner

Text: Thomas Winkler

für

Press-Media Agency