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Agnes Husslein-Arco

Spiegel Online

 

Agnes Husslein-Arco

 

„Europa ist für mich eine unermesslich reiche Vielfalt an kulturellen Verflechtungen und gegenseitigen Einflüssen die in lebendiger Entwicklung eine gemeinsame überregionale Identität bilden.“ (A. Husslein-Arco)

 

Agnes Husslein-Arco & Bendikt Weingartner im Dialog

 

Agnes Husslein-Arco und das Belvedere gehören untrennbar zusammen. Die überaus kommunikative Direktorin des österreichischen Kunst-Tempels ist eine ebenso bekannte wie bekennende Netzwerkerin. Als begnadete und höchst erfolgreiche Botschafterin in Sachen Kunst und Kultur sieht sich selbst als Vermittlerin zwischen Ost und West, als Schnittstelle für Museen, Künstler und Sammler. Im Dialogmit Benedikt Weingartner bezieht sie klare Position zu den kulturellen Entwicklungen  in Europa. Trends der Vergangenheit kommen ebenso zur Sprache wie aktuelle Strömungen, mögliche Entwicklungen und deren Schattenseite. Die Politik bleibt nicht verschont!

 

Agnes Husslein-Arco im Haus der EU

 

Disziplin macht erfolgreich

 

In der Jugend dem Eiskunstlauf verfallen, hat die pragmatische Kunstmanagerin schon in jungen Jahren internationale Luft geschnuppert. Der bezeichnende Geruch von Salmiak im Osten ist ihr ebenso vertraut wie der Chic der französischen Elite. Disziplin schafft gute Resultate, sowohl im Sport wie im Beruf. Unbestechlich, weltoffen und beharrlich hat A. Husslein ihr ganz persönliches Reich geschaffen. Heute hat sie 230 Mitarbeiter. Das Belvedere als Nationalmuseum in internationalem Kontext zu positionieren ist eine Glanzleistung. Da darf es nicht verwundern, wenn Husslein Kritik an der Gesellschaft übt: Zu viele Rechte, zu wenig Pflichten – uns geht`s zu gut. Leistung zählt, der Frauenquote kann sich nichts abgewinnen. Immerhin, das Belvedere scheint auf fruchtbarem Boden zu stehen, 50 Schwangerschaften im Team sind nicht wenig. Das muss ein Betrieb erst mal schaffen.

 

Agnes Husslein-Arco über Kunst, Erfolg und Disziplin
 

 

Patchwork, Tanten und Kindermädchen

 

Kinder, Enkelkinder, Neffen. Husslein mag es bodenständig. Das mit dem Lebensabschnittspartner wird nur allzu oft am Rücken der Kinder ausgetragen.  Patchwork-Familien haben es nicht leicht, die Problematik beginnt in der Schule und streckt sich wie ein roter Faden durch uns Bildungssystem. Die Sprachbarriere ist nur eine Hürde, überfordertes Lehrpersonal gerade mal die Folge der Umstände. Heute ist alles anders als damals: Wenn beide Eltern im Job stehen und die Erziehung abgeben ist das Desaster vorprogrammiert, das kann nicht gut gehen. Wo bleibt die Verantwortung? Das aktuelle System kommt den Aufgaben nicht nach, das System erntet schlechte Noten. Ob das was ändert? 

 

Agnes Husslein-Arco über Experten, Expertisen und die Szene 

 

Experten. Expertisen. Und die Szene!

 

Die Zeit als Experten-Elevin im Dorotheum war sehr lehrreich. Husslein hat viel gelernt, die gebotene Chance genutzt und die Kontakte ausgebaut. Und erst Sotheby's, die Keimzelle ihrer Karriere. In New York war sie ganz praktisch für die dort drüben, sie hat kategorisiert und am Netzwerk gearbeitet. Sie hat den mittlerweile bestens etablierten Kunstladen in das konservative Europa gebracht hat. 82 war eine komplizierte Zeit. Ganz ohne EU mussten Papiere, Zoll und Expertisen bearbeitet und koordiniert werden. Unterschiedliche Gesetze in einzelnen Ländern erschweren den kulturellen Austausch, dazu ein stets besorgtes Bundesdenkmalamt: Import, Export, Renovierung. Es geht ums Geld. Agnes Husslein-Arco hat die Verantwortung. Sie entscheidet. Sie hat den Markt aufgebrochen. Bundesdenkmalamt hin oder her. Disziplin macht sich bezahlt. Dem Guggenheim-Museum verdankt sie weitere Kontakte, man kennt sich eben. Die Szene ist überschaubar, Museen, Sammler und Auktionshaus bilden ein vertrautes Team, die Szene lebt. Dieser Umstand vereinfacht es, Leihgaben zu generieren, vereinzelt gibt es was geschenkt. Doch das kommt ziemlich selten vor.

 

Agnes Husslein-Arco: Das Museum als Dienstleister ... 

 

Das Museum als Dienstleister

 

Speziell im Museumsbereich spielt Wissenschaft eine geradezu tragende Rolle. Die Werke von teils unschätzbarem Wert richtig zu taxieren verlangt detektivische Fähigkeiten und fundiertes Wissen, die Verantwortung ist enorm. Die speziell in Österreich durchwegs beamteten Strukturen machen das Leben nicht leichter, doch Husslein ist beseelt von ihrer Mission. Die Kunst wurde ihr bereits in die Wiege gelegt. Begeisterung steckt an, sie hat den Kuss salonfähig gemacht. Der Klimt wird`s ihr danken. Wir auch. Doch Husslein-Arco hat mehr zu bieten, als nur Klimt und Schiele…

 

A. Hueeslein-Arco und B. Weingartner im Dialog 

 

Kunst: Wer soll das bezahlen?

 

Wenn`s um Kunst und Kultur geht, hält Brüssel die Töpfe fest verschlossen. Während sich Banken über üppige Zuwendungen monetärer Art erfreuen dürfen, braucht es im künstlerischen Bereich komplexe Konstrukte mit verschiedenen Experten unterschiedlicher Herkunft, um irgendwas abholen zu können. Vorlaufzeit und Bürokratie lassen Unwillen erkennen. Es braucht eine eigene Abteilung,  um den Papierkrieg zu bändigen und zugleich eine nachhaltige Reform für  die Kulturinstanzen, da ist nix zu holen, so Husslein. Doch wenn`s die Husslein nicht schafft, wer dann? Auch die Hilfe der einzelnen Botschaften ist nicht überragend, diese halten sich bedeckt, und so darf es nicht verwundern, dass die Belvedere-Chefin auf die bereits bewährte Eigenleistung setzt.

 

A. Husslein-Arco und die Kunstszene 

 

Kunst darf nicht am System scheitern!

 

Das komplexes System und Kulturminister, die machen was sie wollen, sind denkbar schlechte Voraussetzungen für unsere Kultur. Es braucht Sponsoren und Förderer, wie bereits am Beispiel Italiens deutlich erkennbar. Die Fürstenhäuser machten enorme Summen flüssig, um Kulturschaffenden ein vernünftiges Framework zu bieten, heute dominiert der Rotstift. Was fehlt, so Husslein, ist Geld und ein tragfähiges Konzept und die entsprechende Koordination für gemeinsame Projekte. Kultur ist zur tragenden Säule der Gesellschaft geworden. Das kulturelle Angebot ist breit gefächert, doch kommen 80% der Besucher aus dem Ausland. Im angelsächsischen Raum hat Kultur einen höheren Stellenwert, wie auch in Frankreich. Dort gehört der Museumsbesuch mit der ganzen Familie zum guten Ton. Das dürfte eine Einstellungssache sein, die auf Bewusstseinsbildung zurückzuführen ist. Ganz leise ist der Begriff Kulturbanausen zu vernehmen … auch wenn das Angebot, speziell in der Bundeshauptstadt, gut gestaffelt ist. Das heimische Publikum ist kritisch.

So, wie es speziell in Österreich viel zu wenig steuerliche Anreize für Investitionen im Kulturbereich gibt, ist auch ein latenter Geldmangel erkennbar. Warum werden immer die Banken gerettet? Auch Künstler wollen leben!    

 

Text: Thomas Winkler

Fotos: Moni Fellner

 

Press-Media Syndicate