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Barbara Coudenhove - Kalergi

Spiegel Online

 

Barbara Coudenhove-Kalergi


„Europa ist für mich noch nicht ganz meine Heimat, aber fast.“

 

B. Coudenhove-Kalergi % Benedikt Weingartner

 

Die Reflexion der vergangenen Tage, Wochen und Monate stimmt nachdenklich. Die Ereignisse aus Frankreich werden wohl nicht so schnell vergessen. Harte Fakten versus wohlklingende Sonntagsreden und statischer Pflicht lösen tiefe Betroffenheit aus. Die Zeichen der Solidarität sind nicht zu übersehen. Die Seele Europas ist erwacht. Europa lebt. Mit sehr emotionalen  Worten eröffnet Coudenhove-Kaleri ihre Position zum Thema Europa.

 

Coudenhove-Kalergie im Haus der EU

 

Werte verteidigen

 

Der Überfall auf die Zeitungsredaktion in Frankreich steht in krassem Verhältnis zu unseren vertrauten Gepflogenheiten im Herzen Europas. Werte werden erkennbar. Diese müssen verteidigt werden. Es geht um unseren Frieden und Ordnung sowie das erforderliche Minimum an Demokratie. Auch für Selbstverständlichkeiten müssen wir konsequent eintreten, es geht um Wertschätzung. Werte sichtbar zu machen mutiert vielfach zu einer enormen Herausforderung. Denn so selbstverständlich wie wir meinen ist das Projekt Europa gar nicht. Coudenhove-Kalergi bringt es exakt auf den Punkt. Die Lethargie jedenfalls ist zumindest vorübergehend beendet.

 

B. Coudenhove-Kalergi im Dialog

 

Gibt es eine europäische Identität?

Ob Nationalmannschaft und Nationalbibliothek als tragende Säulen einer Nation durchgehen, sei vorerst mal dahingestellt. Nationalismen in einem vereinten Europa sind nur bedingt berechtigt, es braucht eine europäische Identität. Die Tendenz, relevante Entscheidungen in Brüssel zu treffen ist nicht zu übersehen, viel mehr sollte dorthin verlegt werden, so Coudenhove-Kalergi. Für das Gemüt hat man ohnehin die Region mit kulinarischen Kostbarkeiten und der vertrauten Architektur. Doch was ist die europäische Seele? Benedikt Weingartner bleibt unnachgiebig. In einen Binnenmarkt kann man sich schliesslich kaum verlieben, wie Jacques Delors meinte.

 

Europa: Dialog mit B. Coudenhove-Kalergi

 

 

Kultur als universelle Sprache

 

Während kulturelle Errungenschaften wie Oper oder Tanztheater auf internationale Akteure angewiesen sind, um Spitzenleistungen präsentieren zu können, dominieren in vielen anderen Bereich Nationalismen ohne Ende. Während die Stars eine eingeschworene Community bilden, dominieren andernorts regionale Begebenheiten, geprägt von unübersehbarer Selbstbezogenheit. Und während die Wirtschaft das Projekt Europa sehr schnell begriffen hat – die Politik hat mit der europäischen Idee sichtlich Probleme. Die Sprache der Musik verstehen alle, während hingegen Städtepartnerschaften und Austauschprogramme nur halbherzig realisiert werden. Die Diskrepanz zwischen Sonntagsreden und Realität ist unübersehbar. Coudenhove-Kalergi scheint mit den Entwicklungen nicht unbedingt einverstanden zu sei.

 

Europäische Normalität im Wandel

 

Muslims bilden einen bedeutenden Anteil der französischen Bevölkerung. Sie geben gute Bürger und sind friedlich. Die europäische Völkerwanderung ist Ursache für ein neues Gesicht Europas. Das Weisse Europa ist Vergangenheit, der Kontinent wird zusehends bunter. Europa lebt. Immerhin, die Menschen selbst sind vernünftiger als die Politik, die Asylpolitik erntet Kritik. Um Pensionen bezahlen zu können brauchen wir Zuwanderung ebenso dringend wie die Betroffenen Jobs brauchen. Den Zugang zum Arbeitsmarkt zu verweigern ist alles andere als sinnvoll. Als Beispiel das Schicksal einer Fernseh-Journalisten aus der Türkei, die nicht willkommen war, obwohl diese dem Klischee des „Kopftuchweiberls“  so gar nicht entspracht. Die Kritik ist unüberhörbar.

 

Zoran aus dem Nachbarhaus

 

Integration ist eine Herausforderung mit vorangehendem Lerneffekt, das wird nicht einfach. Die aktuelle Politik jedenfalls ist eher geeignet, Kriminalität und Schwarzarbeit zu fördern, als aktive Integrationspolitik zu betreiben. Der unmittelbare Zugang zum Arbeitsmarkt als Grundvoraussetzung für Integration ist nicht in Sicht, der Schatten der 50iger mit gar antidemokratischer Prägung hängt wie ein Damoklesschwert über den (führenden) Köpfen der Gesellschaft und muss als gesellschaftlicher Risikofaktor gewertet werden. Die Asylpolitik ist sichtlich verkorkst.


Viele taktische Fehler

 

Die Sache mit der Ukraine erntet ebenfalls Kritik. Putin mit Standing Ovations zu begrüssen war vielleicht nicht die beste Idee, der Vertrauensverlust zwischen Russland und der EU jedenfalls ist katastrophal, wir hoffen auf eine friedliche Klärung der mittlerweile ziemlich vertrackten Situation. Es besteht auf beiden Seiten Lernbedarf, die aktuellen Tendenzen sind bedenklich. Die Sache mit der Integration jedenfalls wird uns wohl noch länger beschäftigen …        

    

Haus der EU - Wien           

 

Text & Fotos: Thomas Winkler

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