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Bernhard Paul

Spiegel Online

Bernhard Paul

 

„Europa ist für mich eine geniale Idee, ähnlich der des Marxismus, aber ohne die Einbeziehung der Realität und des Individualismus, eine Quadratur des Kreises, eine Gleichung mit Unbekannten.“

 

Bernhard Paul im Haus der EU mit B. Weingartner 

 

Wo Roncalli draufsteht ist Bernhard Paul drin. Mit dem bestens etablierten Zirkus hat sich der ausgebildete Grafiker, der einst als Art Director für das „Profil“ u.a. tätig war, seinen ganz persönlichen Kindheitstraum erfüllt. Nicht Fussball, nicht Party – nein. Zirkus musste es sein. Mit Clowns, Pferden, Zirkuswagen. Und all dem, was so dazu gehört zu einem richtigen Zirkus.

 

Bernhard Paul - Zirkuspapst - Direktor Zirkus Roncalli im Haus der EU

 

Zirkus: Gelebte Integration

 

Gaukler und Illusionisten haben eine lange Tradition. Menschen unterschiedlichster Herkunft leben harmonisch in geschlossener Eintracht. Zirkusleben  ist gelebte Integration, so die Worte des Zirkusdirektors. Mit der kulturellen Position jedoch ist es eine eigene Sache. Während selbst das schlechteste Theater unter dem Aspekt der kulturellen Vielfalt Förderungen erhält, und das meist nicht zu knapp, kämpfen die Zirkusleute ums Überleben. Personeller Überschwang im Theater versus Effizienz unter der Kuppel: Es darf nicht verwundern, wenn die Trapezkünstlerin in der Pause Cola verkauft, sonst geht es sich nicht aus. Clowns sind aus der Manege nicht wegzudenken. Vereinzelt bereichern sie ziemlich unbehelligt die Politik. Gestandene Clowns und Hofnarren hingegen wurden schon mal geköpft oder ins Wasser geschmissen. Bernie Paul lacht. Es war im Dritten Reich unter Goebbels, als der Zirkus aus der Kultur geschlossen wurde.

 

Bernhard Paul - Benedikt Weingartner 

 

Sicherheitsrisiko Zirkuswagen

 

Zirkusschulen boomen. Ob Frankreich, Russland oder sonst wo, in Deutschland und Österreich ist nichts dergleichen zu finden. In den Goldenen Jahren gab es in der Sowjetunion sogar ein eigenes Zirkusministerium. Heute dämpfen strenge Auflagen die ohnehin gedämpften Erwartungen. Unterschiedliche Regeln erfordern maximale Flexibilität bei der Verlegung von Leitungen. Artisten, die am Hochseil brillieren erfreuen sich an dekorativen Stützgeländern am Zirkuswagen, selbst historische Zirkuswagen werden pflichtbewusst unter enormen Kosten aufgerüstet. Und das obwohl Roncalli überzeugter Bahnkunde ist. Um das Geld hätte der Zirkus gerne neue Kostüme gekauft.

 

Bernhard Paul - Zirkusdirektor im Dialog über Europa 

 

Manege frei: Die Baupolizei kommt!

 

Es ist so eine Sache mit der Sinnhaftigkeit der gelebten Nachhaltigkeit. Zugeteilte Fachleute ohne entsprechende Kenntnisse der Materie sind an der Tagesordnung, der Zirkuspapst kann ein Lied davon singen, die Baupolizei gerät unter Kritik. Kaum eine Aufführung ohne prüfende Blicke der Kontrollorgane oder deren Vertretung, Sicherheit ist oberstes Gebot. Unmissverständlich auch die eigentümlichen Vorschriften für Zirkusplakate, die ohne ersichtlichen Grund spontan modifiziert werden wie zuletzt in Deutschland. Es wiehert der Amtsschimmel. Das Publikum applaudiert.

 

Bernhard Paul im Haus der EU

 

Lobbyisten und Sparlampen

 

Es gibt Regeln, die sinnloser nicht sein könnten. Schlechte Argumente schaffen eine gewisse Unglaubwürdigkeit, die bis nach Brüssel reicht – Stichwort Energiesparlampen. Erst regulieren dann denken kann`s nicht sein, so Paul. Es sind einfach zu viele Lobbyisten am Spielfeld, logische Aspekte  werden durch wirtschaftliche Interessen ad absurdum geführt. Die EU darf sich nicht einfach kaufen lassen und den Spielball der Industrie geben. Skandale allerorts, Multis und Konzerne machen Angst, viele Ungereimtheiten schlummern im Verborgenen. Die Strafen werden aus der Portokasse bezahlt, doch wohin gehen die Beträge? Für Kultur jedenfalls ist kaum Geld zu haben, da wäre das Geld sinnvoll investiert. Überhaupt:  Immer, wenn Politik oder Religion im Spiel sind gibt`s Krieg. Autsch! Als Clown vom Zirkus, so Paul verschmitzt, ist er Direktor und Beichtvater zugleich, es braucht Toleranz und Verständnis, um eine Truppe zusammen zu halten. Etwas gegenseitiges Vertrauen kann nicht schaden, Besonnenheit ist eine Tugend. 

 

Weingartner, Paul, Braun

Benedikt Weinartner, Berhard Paul und Achim Braun

 

Der Antiheld und seine Stärken

 

Wenn alle lachen, ist es gut. Denn dann fühlen sich alle angesprochen. Anders als in der Politik, wo immer einer am Pranger steht, kommt das Lachen von Herzen. Zirkus ist Unterhaltung, Ehrlichkeit eine Tugend. Zugleich gibt`s Rüffel für die Medien, wer nur Dschungelcamp schaut, der wird nicht schlauer. Es gibt viel nachzudenken, speziell in Sachen Integration. Denn eine Revolution ist gleich vom Zaun gebrochen. Generell ist die EU eine feine Sache, man müsste die Grundidee nur umsetzen. Management funktioniert anders, viele Verordnungen sind reif für den Prüfstand. Immerhin: Kommissionspräsident Juncker hat ein gewisses Talent, doch solange Geld im Spiel ist gibt`s  Probleme.

Alles, was man mit Liebe macht, wird geliebt. Ein Hobby ist es immer dann, wenn man es zu wenig kann, um es zum Beruf zu machen. Ob Unterhaltung oder Politik, Paul setzt auf Professionalität und angemessene Dynamik. Sein Zirkus hat 40 Jahr ohne Skandale oder Pannen geschafft. Er hat eben seine Prinzipien. Denkt`s einfach an die Menschen!     

 

Text & Fotos: Thomas Winkler

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