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Dominique Meyer

Spiegel Online

 

Dominique Meyer


„Für mich ist Europa immer noch ein grosser Traum – ein Traum, der nicht in einer Vielzahl unnötiger Regeln zu realisieren ist.“ (Dominique Meyer)

 

D. Meyer - B. Weingartner im Dialog 

 

Wien macht Laune. Gute Laune! Der Wohlwühleffekt der Donaumetropole ist dem smarten Elsässer deutlich anzumerken. 5 Jahre Direktor an der Wiener Staatsoper sind geeignet, die kulturelle Szene der Alpenrepublik nachhaltig zu prägen. Kultur verbindet. Diese jedoch mit der Wirtschaft zu verknüpfen, braucht ausgeprägtes Fingerspitzengefühl und Professionalität. Mit entsprechendem Budget wäre es eine einfache Sache, täglich Spitzenprogramm zu fahren. Jeden Tag Netrebko wäre schön, doch das spielt`s nicht. Es geht vielmehr darum, so Meyer, mit den Grenzen zu spielen und damit im Rahmen der Möglichkeiten zu bleiben. Realismus ist angesagt.

 

Dominique Meyer - Direktor der Wiener Staatsoper 

 

Reisen ohne Grenzen

 

Angesichts der aktuellen Umstände sind Grenzkontrollen in Europa verständlich. Auch wenn diese trotz aller Nostalgie mit einem bitteren Beigeschmack behaftet sind, lassen sie die Evolution Europas deutlich erkennen. Grenzenlose Mobilität steht in Kontrast zu einem sehr wohl legitimen Sicherheitsdenken: Im Frankreich der 60er ist manches daneben gegangen, was Integration betrifft. Die heutigen Flüchtlingsströme jedenfalls sind geeignet, die Willkommenskultur ernsthaft in Frage zu stellen. Menschen quasi in Massenquartieren zu lagern, so Meyer, ist keine Lösung. Er erinnert an die nicht unbedingt idealen Umstände in Paris zu einer Zeit, in der es in der Vorstadt einige seltsame Gepflogenheiten in Verbindung mit reichlich Kriminalität gab. Was jetzt auf Europa zukommt, könnte alle nur vorstellbaren Dimensionen sprengen, so scheint es. Auch wenn diese übrigens rein theoretische Überlegung unausgesprochen bleibt, ist die Sorge nicht zu überhören. Aufkeimende Aggressionen lassen weitere Probleme befürchten.

 

Dominique Meyer 

 

Regelwerk versus Freiraum

 

Unterschiedliche Regeln in den einzelnen Ländern verursachen Probleme, von wegen Harmonisierung. Das trifft Steuerwesen wie allgemeines Framework. Meyer, begeisterter „Le Monde“-Leser seit jungen Jahren, betont die Notwendigkeit des persönlichen Freiraums. Nur damit ist es möglich, Kreativität erfolgreich zum Ausdruck zu bringen. Enganliegendes Regelwerk hemmt jede Entfaltung, von wegen Harmonisierung. Diese Thematik hätte anders und viel früher gelöst werden müssen, um Marktverzerrungen in Grenzen zu halten. Rezepturen für Schokolade und deren Inhaltsstoffe sind nur ein Beispiel für unausgewogene Regulierungen, Hemmnisse blockieren jedes Wachstum. Die Wirtschaft  braucht eine einheitliche Sprache, um Wachstum zu ermöglichen.

 

Dominique Meyer im Haus der EU - Wien 

 

Harmonie im Orchester

 

Während in Politik und Wirtschaft mehrfach Dissonanzen und reichlich Störgeräusche zu vernehmen sind, spielt das Orchester der Wiener Staatsoper komplexe Partituren aus dem Stegreif. 300 Vorführungen und nur 110 Orchesterproben, das gibt`s sonst nirgends auf der Welt. Meyer outet sich als grösster Fan seines Orchesters. Internationale Zusammensetzungen sind an der Tagesordnung, Kultur verbindet. Es lebe die Sprachenvielfalt, Koproduktionen sind eine feine Sache. Es braucht Hingabe und Leidenschaft, halbe Sachen zählen nicht. Das gilt auch für das Ballett, einem weiteren Highlight der Staatsoper.  

 

Dominique Meyer

 

Volles Programm. Volles Haus!

 

Was die Zahlen betrifft, so freut sich D. Meyer über die Auslastung seines Hauses, die Berliner Häuser schaffen das nicht mal in Summe. Die Bilanz kann sich sehen lassen, die Auslastung ist weltweit einzigartig, und das in Krisenzeiten! 70% heimisches Publikum und 30% Ausländer teilen sich die Reihen, den Begriff Touristen mag Meyer nicht. Wer nach Wien kommt, will in die Oper. Punktum.

 

Dominique Meyer - Benedikt Weingartner 

 

Aushängeschild Opernball

 

Sehen und gesehen werden. Der Wiener Opernball als ultimatives Event der Society gilt als  Visitenkarte der Nation. Meyer  hofft auf verstärkte Zusammenarbeit mit dem ORF, um den kulturellen Blumenstrauss in voller Pracht der Welt zu präsentieren, Bälle haben Tradition. Das war immer so in Österreich. Der Kongress tanzt. Unabhängigkeit hingegen schafft die neue Technik im Haus, mit 4k setzt die Staatsoper neue Akzente und klare Benchmarks. Gimmicks machen die Oper zu einem Event der Superlative  mit gänzlich neuen Impressionen, nur was Backstage betrifft ist Zurückhaltung erkennbar. Die Künstler brauchen volle Konzentration für eine gelungene Performance. Zu viele Kameras stören, es geht um das Wesentliche.

 

Integration sieht anders aus

 

Was das Thema Flüchtlinge betrifft, so ortet Meyer reichlich Populismus, wie in anderen sensiblen Bereichen auch. Die Politik ist sichtlich nicht reif genug, um vertretbare Lösungen zu realisieren, Enttäuschung ist erkennbar. Zugegeben, die Umstände waren nicht vorhersehbar, entsprechend unvorbereitet sind die Verantwortlichen. Der Direktor appelliert an die Vernunft. Auch Flüchtlinge sind Menschen, und es braucht viel Leid, um die Heimat zu verlassen. Die Zahl der tragischen Schicksale ist kaum in Worte zu fassen, Politik ist eine komplexe Sache.

Zum Finale gibt es lobende Worte für die Mannschaft des Opernhauses. Standing Ovations für den sympathischen Direktor. Applaus!

 

Text & Fotos: Thomas Winkler

Press-Media Syndicate