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Harald Krassnitzer

Spiegel Online

Harald Krassnitzer:

Europa: Das spannendste Projekt der Welt …

 

„Europa ist für mich nach wie vor das spannendste politische, kulturelle, gesellschaftliche Projekt der Welt. Ich bin überzeugt, dass die Welt dieses Projekt mit der selben Neugier und manchmal sogar mit ein bisschen Neid verfolgt.“

 

Krassnitzer - Weingartner 

 

Mit diesem Credo geht Harald Krassnitzer in den höchst spannenden Dialog zum Thema Europa. Weltoffen, kritisch und zugleich sehr philosophisch nähert sich der beliebte Schauspieler dem Friedensprojekt Europa. Und berichtet von seiner eindrucksvollen Reise ins ferne China. Das Spannungsfeld der Traditionen hat Eindruck hinterlassen. Smog und Umweltbelastung vor Ort gehen auf die Substanz – kein Wunder, dass E-Mopeds zum alltäglichen Strassenbild Pekings gehören. Der Geist Maos lebt weiter – traditionelle Pole und geheimnisvolle Zahlenelemente des Konfuzianismus halten den Mythos am Leben. Totalitäre Elemente versus neue Marktwirtschaft bilden einen Kontrast, der stärker nicht sein könnte. 1,4 Milliarden Menschen wollen reich werden, die Gesellschaft Chinas polarisiert sich, so Krassnitzer. Und berichtet von einem deutschen Unternehmen, das einen fetten Auftrag im sensiblen Umweltbereich eingeheimst hat. Doch was hat das mit Europa zu tun?

 

H. Krassnitzer - Schauspieler im Dialog über Europa 

 

Hohe Standards, aber viele Turbulenzen

 

Wohlstand, Bildung und soziale Standards in Europa stehen in hartem Kontrast zu Lohnsklaverei und Umweltbelastungen andernorts. Doch es wackelt, so Krassnitzer. Die Demokratisierung Europas erntet Kritik, von Abgehobenheit ist die Rede. Sachzwänge ohne Alternativen zwängen Bürger in ein enges Korsett, es fehlt, so der Schauspieler, an Gestaltungsfreiheit. Europa braucht mehr Bürgerbeteiligung. TTIP wäre eine gute Gelegenheit für eine europaweite Volksabstimmung, um erhitzte Gemüter zu besänftigen. Geheimverhandlungen und Demokratie bilden einen Spannungsaspekt, Ausgang ungewiss. Brüssel mutiert zum Feindbild – doch Europa findet vor der Türe statt. Der Trophäenjagd heimischer Politiker kann Krassnitzer nur wenig abgewinnen, vielleicht sollten wir die Frage stellen, wie es denn mit den Abstimmungen aussieht. Irgend was geht sichtlich schief.

 

Krassnitzer

 

Europa in der Sinnkrise

 

500 Jahre innovativer Fortschritt und Evolution enden in der aktuellen Legislaturperiode an einer Gummiwand. Rezession, Inflation, Ressourcenknappheit und Energieversorgung sorgen vielfach für Ratlosigkeit. Der Vergleich mit dem hypnotisierten Karnickel vor einem schwer verständlichen Fragenkomplex sorgt für  verdutzte Gesichter im Publikum. Müssen wir tatenlos zusehen, wie Europa in Problemen erstickt? Welches Erbe hinterlassen wir der nächsten Generation? Wie können wir Europa besser gestalten? – Krassnitzer betont die Wichtigkeit des Dialogs, die Zukunft gehört der Jugend. Und die braucht Perspektiven, wir müssen unsere Versprechen halten: Nicht immer besteht die Gelegenheit, echten Mehrwert zu schaffen, doch die nächste Generation braucht ausreichend Spielraum zur Entfaltung. Realisierbare Zukunftsvisionen gewinnen an Bedeutung. Die Vereinten Staaten von Europa wären eine Chance, da Probleme auf nationaler Ebene kaum lösbar sind.

 

Harald Krassnitzer

 

Dialog auf Augenhöhe

 

Ebenso, wie Krassnitzer den Dialog der Generationen vermisst, mangelt es vielfach an Toleranz. Es braucht kulturellen Austausch und Vertrauen. Bestehende Differenzen sind mit wirtschaftlichen Parametern kaum zu lösen, die Standards sind vielfach zu unterschiedlich. Die Kluft kultureller und  soziologischer Belange zu überwinden gilt als Herausforderung, das Instrument des Dialogs gewinnt an Bedeutung. Mit einem Kulturjahrhundert wäre es leicht, die Sinnkrise zu überwinden, doch sichtlich fehlt es an Kulturverständnis. Ignoranz statt Toleranz ist an der Tagesordnung – es braucht eine neue Form der Demokratie. Die Rede ist von den Griechen, die uns geschröpft haben, aus Griechen kann man keine braven Deutschen machen: Nationale Egoismen verhindern den Austausch. Ein Aufbruch ist kaum erkennbar, neue Spielregeln wären eine Lösung. Mehr Macht für das Parlament und die Gelegenheit, die Kommission zu wählen wären ein Meilenstein.

 

Harald Krassnitzer 

 

Filmpreise und eine europäische Seele

 

Was die Zukunft betrifft, so hofft Krassnitzer auf Fortschritt. Nationale Gefüge zu minimieren ist unvermeidbar. Europäische Filmprojekte wären nett, doch dazu müssten europäische Filmtöpfe geschaffen werden. Zudem wäre es wichtig, so „Kulturkommissar“ Krassnitzer, die öffentlich-rechtlichen Medien anzuhalten, den Blickwinkel zu verändern. Globale Innovation wäre ein denkbarer Ausweg. Doch dazu müssten die Politiker europäische Politik machen. Die Osterweiterung unter rein wirtschaftlichen Aspekten hat einen industriellen Wanderzirkus verursacht und damit ein gesamteuropäisches Problem, Arbeitsplätze gibt`s dort, wo es billig ist. Es gibt Kritik.

Krassnitzer vermisst relevante Eckdaten. Wirtschaftliche Interessen und eine regierende Elite-Demokratie nagen an der Lebensqualität, Menschen müssen eine neue Art der Begeisterung für das Projekt Europa entwickeln. Doch das dürfte nicht ganz einfach werden.   

Am 7. November ist Julian Rachlin zu Gast bei Benedikt Weingartner.     

 

Text & Fotos: Thomas Winkler

Press-Media Syndicate Int.