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Ildikó Raimondi

Spiegel Online

Ildikó Raimondi

Europa … meine Heimat

 

„Europa ist für mich ein grosser Kulturraum mit viel Platz für Gemeinsames und Individuelles. Europa ist für mich meine Heimat.“

 

Benedikt weingartner mit Ildiko Raimondi 

 

Temperamentvoll,  selbstbewusst und ein klein wenig melancholisch. Das Denken der gebürtigen Rumänin ungarischer Abstammung ist mehr von Ideologie als von Karrierestreben geprägt. Es waren hohe Ziele, die sie bereits in jungen Jahren in die Fremde zog. Mit 19 hat sie Rumänien verlassen, mit gerade mal 5 Mark in der Tasche. Trotz der wirtschaftlich sehr bescheidenen Umstände fühlte sie sich reich, der Blick war nach vorne gerichtet. Puddingpulver und Noten begleiteten sie bei ihren wenigen  Heimatbesuchen. Mit zwei Koffer, einem zweijährigen Sohn und vielen Träumen im Kopf kam sie nach Wien. Trotz der wirtschaftlich sehr bescheidenen Umstände fühlte sie sich reich, der Blick war voll Neugier und Zuversicht nach vorne gerichtet, daran konnten auch die teils widrigen Umstände nichts ändern.

 

Ildiko Raimondi 

 

Melancholie, Menschenpfand und Diktatur

 

In einem Land, das wirtschaftlich ruiniert wurde, ist es nicht ganz einfach. Bulgarien und Rumänien haben Korruption als Markenzeichen, ohne ganz persönliche Kontakte sind verschiedene Dinge nicht möglich, so Raimondi berührt. Fleisch, Brot, Benzin – man braucht gute Freunde, um weiter zu kommen. Armut  bewirkt Korruption, es ging lediglich um eine effiziente Überlebensstrategie in einem Land ohne Hoffnung und Chancen. Und als die Führungsriege abgelöst wurde, entstand ein wirtschaftspolitisches Vakuum, es fehlte an geeignetem Führungspersonal. Raimondi wirkt tief berührt, während sie über die nicht immer einfache Vergangenheit spricht.

 

Ildiko Raimonid im Haus der EU, Wien 

 

Kultur: Verständnis ohne Worte

 

Kultur baut Grenzen ab. Kunst, und damit meint Raimondi nebst Kunst auch Musik, ist eine der universellsten Sprachen. Europa als bunter kultureller Topf bietet angesichts der Vielfalt eine schier unerschöpfliche Quelle für Kommunikation und gegenseitiges Verständnis, die gemeinsame kulturelle Seele ist nicht zu übersehen. Ob Bildhauer oder Musik, Monarchie oder Diktatur: Kunst überwindet alle Barrieren. Dazu kommt, dass speziell Künstler über Trends und Entwicklungen  bestens informiert sind, auch wenn diese ganz wo anders stattfinden. Unterschiede sind aus Sicht der beliebten Kammersängerin enorm wichtig, sie schaffen die gewisse Individualität. Die Gesellschaft braucht Werte, es geht um Bereicherung und das Ego. Die Integrationsbotschaft kann deutlicher nicht sein.

 

Ildiko Raimondi im Haus der EU, Wien 

 

EU bedeutet Freiheit

 

Wer sich zuhause beengt fühlt, kann seine Chance anderswo suchen. Das ist der wohl grösste Vorteil der Union, der allen Europäern die Gelegenheit gibt, das eigene Mobilitätsbedürfnis maximal auszuschöpfen. Das Glück muss man suchen, es kann hinter jeder Ecke schlummern, so die Mutter von zwei Söhnen, die in Italien und Österreich geboren sind. Cosmopolitische Familienbildung als Trend des aktuellen Jahrhunderts erfordert Offenheit und Toleranz. Doch Raimondi ist angekommen. Offene Grenzen bedeuten offene Perspektiven. Mehr denn je ist es wichtig zu wissen, was und wohin man wirklich will. Ein stärkendes Elternhaus jedenfalls kann nicht schaden.

 

Beethovens Euro-Symphonie

 

Gäb`s den Beethoven oder besser gesagt, dessen Neunte nicht, müssten wir einen eigenen Euro-Potpourri komponieren. Volkstümlich, leicht verständlich und mit regionaler Prägung – das wäre eine spannende Angelegenheit. Jedes Volk definiert sich über die kulturelle Ebene, Kultur ist die tragende Basis der Gesellschaft, das soziale Fundament.

 

Ildiko Raimoni, Haus der EU Wien: Europa ist Freiheit! 

 

Europa hat viel Geld!

 

Mit genau dieser Aussage versetzt Raimondi die geladenen Gäste in Erstaunen. Kunst und Kultur als relevante Komponenten für eine solide Erdung verdienen die entsprechende Positionierung in der Gesellschaft. Die Problematik liegt darin, dass immer, wenn es eng wird, im kulturellen Bereich gespart wird. Und genau hier wäre anzusetzen. Den Verantwortlichen müsste ein geeignetes Programm umgebunden werden, so die beliebte Künstlerin. Kultur bedeutet Integration und darf nicht bagatellisiert werden. Je offener mit dieser Argumentation agiert wird, umso besser.

 

Zwangsevolution in Osteuropa

 

Der Weg in die EU erfordert Mut und Selbstvertrauen für den Osten. Die Chancen auf eine Besserung schätzt die Künstlerin als sehr real ein, trotz der geradezu teils penetranten Beratungsresistenz. Vielfach ist falscher Stolz im Spiel, die „sinnlose Sklaverei“ hat reichlich Schaden verursacht. Die Länder sind aus dem Koma erwacht, das enorme Gefälle wirkt bedrückend. Die Entwicklung gleicht einer Zwangsevolution, die Ungeduld des Westens ist verständlich. Der Osten gibt sein Bestes. Man hat nicht mit Null angefangen, sondern bei minus 50. Die Künstlerin bringt es betroffen auf den Punkt. Die Defizite sind nicht zu übersehen.

Immerhin: Es kommt Bewegung ins Spiel. Kultur verbindet.

 

Pfeifer, Ildiko, Weingartner

 

Press-Media Syndicate

Text & Fotos: Thomas Winkler