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Julian Rachlin

Spiegel Online

Julian Rachlin:

Europa … ist Freiheit

 

„Europa ist für mich Freiheit, Kultur- und Traditionsvielfalt“. Mit dieser klaren Aussage geht Julian Rachlin in das Gespräch mit Benedikt Weingartner. Planet Erde ist sein Zuhause, Musik seine Leidenschaft. Zu wissen, was man nicht kann ist eine Stärke.

 

Julian Rachlin - Benedikt Weingartner im Haus der EU / Wien

 

Bescheiden. Sympathisch. Weltoffen. Der weltbekannte Musikus weiss genau, wovon er spricht. Seit 27 Jahren ist er unterwegs, bis zu 250 Tage pro Jahr. Sein abwechslungsreicher Beruf führt ihn um die ganze Welt. Als Cosmopolit kennt nahezu alle Facetten verschiedenster Kulturen und ist dankbar dafür, so viele Erfahrungen und Erlebnisse machen zu dürfen. Das Privileg, seine Passion auf der ganzen Erde leben zu dürfen, ist wohl einzigartig. Speziell, da seine Leidenschaft klassische Musik betrifft.

 

J. Rachlin im Haus der EU - Wien

 

Europa: Heimat der Klassik  

 

90 Prozent klassischer Musik kommen, so Rachlin, aus Europa, sofern man Russland dazu nimmt. Die europäische Hymne stammt von Beethoven, die USA und Südamerika sind nur am Rande vertreten. Die Tatsache, dass die Eroika eigentlich Napoleon gewidmet war, ist nur ein kleines Detail, wie überhaupt Musik und Politik untrennbar verbunden sind. Rachlin erachtet klassische Musik als bewährtes Kommunikationsmittel, als wohl erfolgreichster Botschafter des Friedens.

 

Humor, Verrücktheit und etwas Romantik

 

Zu wissen, was man nicht kann, wertet Rachlin als Stärke. Bei ihm ist es komponieren. Beharrlich weigert er sich, in diesem Bereich aktiv zu werden. Und wenn – seine Musik wäre leicht und fröhlich, fast wie ein wenig Mozart mit Humor, etwas Verrücktheit und einem kleinen Schuss Romantik. Und genau diese Artenvielfalt auf engstem Raum ist typisch Europa. Nach nur fünf Schritten ist man im nächsten Kulturkreis mit eigener Historie und Tradition, die kulturelle Vielfalt prägt unseren Kontinent. Hinter jeder Ecke wartet ein neues Stück Kultur, und das gilt auch in kulinarischem Sinn.

 

Poleposition für Norden Spaniens

 

Abgesehen von Musik hat Rachlin ein sichtliches Faible für gepflegte Kulinarik. Der Norden Spaniens hat es ihm besonders angetan, er schwärmt von der unglaublichen Szene vor Ort und den besten Köchen der Welt, die dort angesiedelt sind. Japan und Spanien dominieren die kulinarische Landschaft, Ausläufer sind auch in Barcelona zu entdecken. Die kulturelle Vermischung hat eine eigene, sehr eigenständige Sprache entwickelt. Rachlin ist bestens informiert, und nominiert San Sebastian zum Zentrum der besten Köche. Doch zurück zur Musik.

 

Julius Rachlin - Musiker, Dirigent, Cosmopolit

 

Philharmoniker: Die erste Geige

 

Ohne zu zögern gesteht Rachlin unseren Philharmonikern die erste Geige zu. Was Holzbläser betrifft, so schwärmt der beliebte Star von Frankreich und der tollen französischen Schule für Horn und Oboe, während Blech nach Amerika geht. Jazz bleibt Jazz. Bach bildet die Basis der klassischen Musik und gilt als musikalische Bibel für alle anderen Komponisten, ohne Bach gäb`s keine Musikgeschichte. Punktum. Italien steht Rachlin  ein ganz spezielles Ambiente zu, die sehr provinziellen Eigenheiten sind verantwortlich für das ganz regionale Ambiente. Dabei kommt der beliebte Künstler nicht umhin, auch kritische Töne zu äussern. Es fehlt häufig an Toleranz und Aufgeschlossenheit, die Angst, das Einzigartige zu verlieren schafft Barrieren und Blockaden und verhindert die musikalische Vermischung einzelner Elemente. Die Öffnung des Egos wäre angebracht, so Rachlin, es zählt der Wille und die Bereitschaft, Neues zu lernen. Reisen und Offenheit als Voraussetzung für weitere Entwicklung gewinnt zusehends an Bedeutung. Dabei bezeichnet Rachlin die klassische Musik als bewährten weil anerkannten Opinionleader, um bestehende Barrieren und Hindernisse zu beseitigen. Japan ist diesbezüglich in einer Sonderposition. Es braucht eine konsequente Förderung, um kulturelle Werte zu schaffen. Anders als bei Massenveranstaltungen braucht es eine eigene Kalkulation, mit ein paar Tickets sind die Kosten nicht zu decken. Der Hauch des Elitären ist eine nicht unbeträchtliche Hürde, so der Künstler weiter, der auf die Begeisterung der Jugend hofft. Das Phänomen Musik ist geradezu prädestiniert, die Berührungsängste in Europa zu minimieren, dennoch, es braucht Ausdauer und Beharrlichkeit, um in diesem Metier zu reussieren.

 

Kroatien: Kulturresistent

 

Die Huldigung an die Komponisten längst vergangener Tage ist nicht zu überhören, Musik verbindet. Doch es Ausnahmen: Kroatien und Klassik passen nicht zusammen. Der Geist der Musik hat keinen fruchtbaren Boden gefunden, die Kulturdusche ist versickert. Die Region hat sich als Kulturresistent erwiesen. Rachlin ist enttäuscht.

Was die Zukunft Europas betrifft, so hofft  der Künstler auf Friede, Sicherheit und Stabilität. Es braucht Respekt, Toleranz und Verständnis, das Ziel bei jedem Streit muss eine Lösung sein.      

 

Text & Fotos: Thomas Winkler

Press-Media Syndicate Int.  


 

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