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Konrad Paul Liessmann

Spiegel Online

Konrad Paul Liessmann

 

„Europa ist für mich ein geistiges Prinzip, es ist der Kontinent der Philosophie und der Menschenrechte, der Kontinent der Aufklärung und der Säkularisierung, der Kontinent der Autonomie der Künste und der absoluten Musik. Europa – und dies kann nicht einfach ausgeblendet werden – war aber auch der Kontinent des politischen Nationalismus, der totalitären Utopien und der industriellen Menschenvernichtung.“

 

K P Liessmann & Benedikt Weingartner: Europa - Dialog mit ...

 

Philosoph, Essayist, Literaturkritiker, Publizist. Univ.-Prof. K.P. Liessmann bringt zum Auftakt  seines Gesprächs mit Benedikt Weingartner den deutschen Philosophen Edmund Husserl ins Spiel. Es war Mai 1935, als letzterer in einem sichtlich packenden Vortrag auf ein kaputtes Europa zu sprechen kam, mit Reformvorschlägen, die – so jedenfalls scheint es – in jeder nur erdenklichen Hinsicht nicht wirklich praktikabel waren. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt die weiteren Entwicklungen auch nur ansatzweise erahnen, zumal Husserls Überlegungen das geistige Prinzip Europas betreffen.

 

K.P. Liessmann, Philosoph, Essayist 

 

Krise der Geisteswissenschaften?

 

In 80 Jahren hat sich viel verändert. Positive wie negative Ereignisse haben die Geschichte geprägt, heute jedenfalls ist ALLES anders. Die Selbstzerfleischung Europas und reichlich unlautere Motive bei maximaler Eurozentriertheit haben interessante Motive hinterlassen. Die Nazis haben mit ausgeprägter Nachhaltigkeit einige Visionen sabotiert, ethisch-moralische Überlegungen hinterlassen Betroffenheit. War es erst ein Friedensprojekt, so gewinnen wirtschaftliche Komponenten in dem gemeinsamen Europa zusehends an Stellenwert. Der geistige Part jedoch blieb konsequent ausgeblendet. Doch um einen Kontinent zusammen zu führen, braucht es eine geistige Konzeption. So jedenfalls sieht es Liessmann.

 

K. P. Liessmann - Philosoph, Essayist, Publizist 

 

Wissen als Selbstzweck

 

Das Konzept des Wissens hat verschiedene Aspekte. Bei den Griechen war es das Wissen des Wissens wegen, für die praktischen Dinge des Lebens interessierte man sich nur sehr nebensächlich. An Lösungen war man jedenfalls nicht interessiert, die Denkweise der Griechen hat eine lange Tradition, die bis zurück in die Antike zu verfolgen ist. Das sehr theoretische Denken steht in hartem Kontrast zum Leben. Der aufkommende Materialismus bringt eine erfrischende Ernüchterung mit sich. Intellektuelle Strömungen arabischer Herkunft setzen weitere Impulse. Hier Griechen, dort Römer, Juden versus Christentum: Es lebe die Vielfalt. Europa und der Islam haben eine konfliktreiche Vergangenheit, bis einsetzende Nationalismen eine merkliche Distanz bewirken.

 

K. P. Liessmann, Philosoph, über Kultur u. Musik in Europa

 

Michelangelo und die Medici

 

Das Geld kommt aus Asien. In Europa dann die ersten Banken – die Medicis haben Michelangelo gesponsert. Die Medici sind tot – Michelangelo lebt weiter. Geld, Banken, Aktien – die Neuzeit hat die Geldwirtschaft etabliert. Frankfurt, New York, Tokio – um nur einige zu nennen. Und hier trennen sich die Geister: Während der biedere Kaufmann, der redlich arbeiten will, an Gewinnen interessiert ist, setzen Spekulanten auf das schnelle Geld. Der selbstbewusste Philosoph hingegen schätzt das intellektuelle Spiel des Zufalls mit Variablen, er will wissen, wie es geht, das Spiel an der Börse. Geld ist nebensächlich. Wirklich?

 

K. P. Liessmann im Dialog über Europa: Michelangelo lebt! 

 

Musik und andere Rituale

 

Die Entwicklung der autonomen Künste, im speziellen der Musik, hat diese in das Tagesgeschehnis der Bürger integriert. Einst konsequent an ein Ritual gebunden, wurde diese sorgsam abgestimmt komponiert, um der Anforderung gerecht zu werden. Die Funktion war vielfältig, die Palette reichte von Militärmusik über Liebesballade und Hochzeitsfeier hin zur melancholisch-feierlichen Trauermusik, nicht zu vergessen die lieblichen Töne für Exzellenz. Heute geht`s nicht ab, ohne Walkman. Das Ritual interessiert niemand. Der ungezwungene Umgang hat sich gnadenlos durchgesetzt. A-Boom-a-Boom-a-Boom.

 

K. P. Liessmann, Philosoph - Univ. Prof., über Europa 

 

Identität: Durchwegs unscharf

 

Mann. Ein älterer Mann. Eine ältere Frau. Österreicher. Aus Europa. Die soziale Identität verursacht in ihrer Summe ein komplexes Gebilde ohne Ende, Identität ist schwer begreifbar zu machen. Von multipler Identität zu reden macht mehr Sinn, das ökonomisch-politische Umfeld ermöglich einen gemeinsamen Nenner. Und doch sind wir alle anders. Das Selbstbewusstsein Europas bedarf einer Stärkung. Vom glühenden Franzosen hin zum glühenden Europäer ist ein weiter Weg, machen wir uns also auf die Reise, es ist ein weiter Weg.

 

Achim Braun, K.P. Liesmann, Bendikt Weingartner 

 

Schicksalhafte Bewegungen

 

Migration war schon immer ein Thema. Es waren meist schicksalhafte Beweggründe, die den Menschen Mobilität abverlangten. Das Europa heute ist ein grosses Haus, mit offenen Türen. Migration als grosse Herausforderung kann nur auf gesamteuropäischer Ebene funktionieren, die Angst vor dem Fremden bleibt. Von Harmonie sind wir weit entfernt. Es ist viel Dynamik in den unzähligen Metaphern erkennbar, dennoch: Es braucht neue Perspektiven für die gesunde Weiterentwicklung eines ganzen Kontinents.

505 Millionen Bürger blicken hoffnungsvoll in die Zukunft Europas.   

 

Text & Fotos: Thomas Winkler

Press-Media Syndicate