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Rotraud A. Perner

Spiegel Online

Rotraud A. Perner

 

„Europa ist für mich Halbtschechin ein Stückchen Rückkehr verlorener Wurzeln: denn leider hat mir mein Vater, der 27 Sprachen sprach und unter anderem Hans Gratzer und Michael Haneke privat Französisch beibrachte, seine Muttersprache und Heimatkultur kaum vermittelt. Europa bringt mich meiner Abstammung näher. Europa ist eine Lernaufgabe für Achtsamkeit und Wertschätzung.“

 

Rotraud Perner & Benedikt Weingartner im Haus der EU / Wien

 

Was ist los mit Europa? Die Psychoanalytikerin, Juristin und jetzt auch evangelische  Pfarrerin Prof. Dr. Rotraud Perner geht dieser Frage auf den Grund. Im Dialog mit Benedikt Weingartner werden einzelne Hypothesen und Lösungsansätze beleuchtet. Fest steht: Europa lebt. Wäre es tot, es gäbe keine Wellen. Ganz unweigerlich drängt sich die Frage auf, ob die Wogen bis zum Himmel reichen oder ob wir diese etwas mildern können. Generell, so Rotraud Perner, gibt  es immer mehr als zwei Möglichkeiten einer Lösung, wir haben nur zu wenige Modelle denkbarer Lösungen zur Hand. Sie will auch nicht von Krise sprechen, sondern über Dynamik: Eben findet ein Reinigungsprozess statt, es geht um die Selbstfindung eines ganzen Kontinents.

 

Rotraud A. Perner

 

Politik forciert Emotionen

 

Wünsche, Bedürfnisse und stets latente (Macht)-Gelüste gehören zum Alltag. Ängste sind nicht zu vermeiden, es braucht Selbstreflexion und Ehrlichkeit zu sich selbst, um die eigene Position genau bestimmen zu können. Respekt gegenüber dem vis-à-vis sollte selbstverständlich sein, die Politik jedoch ist trainiert, Emotionen zu forcieren. Das führt zu einer Überdynamik mit dem Ergebnis, dass der Verhandlungstisch mitunter fluchtartig verlassen wird. Der Kampfmodus wird aktiviert, die Macht spiele haben längst begonnen. Perner macht sich auf die Suche nach einem Psychogramm.   

 

Rotraud A. Perner

 

Die Suche nach dem gemeinsamen Nenner

 

Ohne eine Diagnose geben zu wollen, erklärt Perner, wir stehen in der ersten Phase. Die Positionen werden langsam klar, doch wo ist der gemeinsame Nenner? Lösungen sollten nebeneinander gestellt werden, um zu klären, welche die menschlichste wäre. Lösungsorientiert lautet das Schlagwort. Nicht der Mensch ist krank, sondern die Beziehung. Es braucht überlegene Strategen, um die Probleme ihrer Ganzheit zu begreifen, die Sache ist mehr als nur komplex. Es geht um europäische Konzepte, und irgendwie ist auch die Lust am lebenslangen Lernen zu vernehmen. Dahinter steckt die Idee von Entwicklung und Reife. Europa befindet sich im Wandel. Man kann einfach nicht NICHTLERNEN.

 

Rotraud A. Perner


Das Recht auf Misstrauen

 

Vertrauen muss erarbeitet werden. Das steht fest. Die Mythenbildung über soziale Medien schürt Vorurteile und negative Emotionen, wir brauchen Orientierung. Von wem soll ich lernen? Woran erkenne ich einen guten Lehrmeister? Tendenziell, aufgrund steigender Gewaltbereitschaft am Kontinent sind sichtlich die falschen Lehrmeister am Werk, der Kampfmodus ist nicht sonderlich hilfreich. Denken wir nur an unsere Geschichte. 500 Millionen Menschen in der EU brauchen Mut, um kritisch zu denken. Die Exorzismustechnik hat ausgedient, da krieg ich den Teufel nicht los. Dinge müssen beim Namen genannt werden, Perner spricht von einer Metamorphose der Gedanken. Dabei liegt ihre Hoffnung auf Modellen, die Respekt beinhalten und zugleich auch konstruktive Lösungen ermöglichen.  Die Seele schwingt wie ein Geigenkasten und zeigt uns, wo es lang geht, gerade in Zeiten, in denen die Menschlichkeit einbetoniert wird: Die Stimme des Herzens zeigt uns den Weg.   

 

Zu viele Alpha-Wölfe im Spiel?

 

Der Faktor Zeit in Verbindung mit unübersehbaren und ziemlich hartnäckigen Machtbestrebungen bewirkt eine Kampfsprache und Drohgebärden. Die ewige Suche nach dem Sieger bringt Unruhe, bemühen ist besser als kämpfen. Runterschalten wäre angebracht, doch der Druck nimmt zu. Das ist bereits an Schulen und Unis zu erkennen, künstliches Selbstvertrauen ist an der Tagesordnung und es braucht ein gefestigtes Wesen, um damit umzugehen und nicht gleich aus der Haut zu fahren. Während in Deutschland eine sehr klare Sprache dominiert, ist in der Alpenrepublik noch reichlich Plüsch im Spiel, mit Scharm und Schmäh werden heikle Situationen entschärft. Echter Humor ist verloren gegangen, leider geht`s zumeist ans persönliche Selbstbewusstsein und viele sinnlose Erniedrigungen, die wiederum am Ego kratzen. Etwas Respekt wäre durchaus angebracht.

 

Rotraud A. Perner / B. Weingartner

 

Provo-Pädagogik als Patentlösung?

 

Die von B. Weingartner kreierte Bezeichnung für das von ihr entwickelte Konzept findet bei R. Perner sofortigen Anklang. Aggressionen sollten mit Humor oder einer ausgeprägten Ernsthaftigkeit begegnet werden, der Ton macht die Musik. Die Wurzel der Gewalt liegt im Vergleich, das geschieht ganz unbewusst. Es braucht gemeinsame sprachliche Werte, Gelassenheit und Augenhöhe, um geeignete Lösungen zu finden, veraltete Strukturen sind nur bedingt geeignet, Lösungen zu finden. Die „modernen“ Kinohelden und Ego-Shooter sind denkbar ungeeignete Idole, doch altersbedingte Verhaltensmuster sind nur schwer zu ändern. Jeder Sieg über einen anderen bedeutet gleichzeitig einen Verlierer – Rache ist süss! R. Perner bringt den seelischen Schliessmuskel ins Spiel, soziale Kompetenz gewinnt an Bedeutung. Die Taktik der Gewaltprävention gewinnt an Bedeutung, wenn wir nicht im Chaos versinken wollen. Das bedeutet, seelischen Überdruck konsequent abzubauen und Dingen mit Gelassenheit zu begegnen. Die europäischen Werte scheinen angekratzt, es braucht Mässigung auf allen Ebenen. Schlechtreden gilt nicht, Beschönigen ist auch nicht besser.

Wir brauchen Vertrauen, Toleranz, Hoffnung – und ein gesundes Selbstbewusstsein. Zudem dürfen wir aber auch nicht die Nerven verlieren, wenn plötzliche Einigkeit erkennbar wird. Doch so wie es jetzt aussieht, dürfte das ohnehin noch eine ganze Weile dauern … die Zeit bis dahin sollten wir jedenfalls nutzen.

 

Text: Thomas Winkler

Fotos: Katharina Schiffl